Gemeinsam die Zukunft unserer Schule gestalten
Neue Wege finden – gemeinsam für Hessens Schulen
Regierungserklärung von Herrn Staatsminister Jürgen Banzer am 4. Juni 2008 im Hessischen Landtag (Es gilt das gesprochene Wort)
Wiesbaden, 04.06.2008
Sehr geehrte Damen und Herren,
Schule ist darauf angelegt, Schülerinnen und Schüler zu fördern. Ihre Hauptakteure, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler, haben dieses Grundverständnis, wenn sie Schule gestalten. Wenn wir über Schulpolitik streiten, diskutieren wir daher zuvorderst über den besten Weg für die Schülerinnen und Schüler. Deswegen ist meine Maxime als geschäftsführender Kultusminister, die Unterstützung der Schulen in diesem Kernauftrag in den Mittelpunkt meiner Arbeit zu rücken.
Wenn ich auf die Vorschläge der Schulen, ihre positiven Erfahrungen wie ihre Sorgen höre, ihnen die nötigen Ressourcen zur Verfügung stelle und ihnen Ruhe zur Gestaltung ihrer Arbeit und Raum zur Entwicklung gebe, setze ich beste Voraussetzungen, damit Bildungspolitik erfolgreich sein kann. Denn Schule kann man nur mit den Schulen machen. Ich habe deswegen in den ersten fünfzig Tagen als geschäftsführender Kultusminister – wahrscheinlich mitunter zum Leidwesen der Mitarbeiter im Kultusministerium – nicht so sehr umfangreiche Vermerke studiert und dicke Akten gewälzt, sondern ich habe den Schulen zugehört und das Gespräch gesucht auf allen Ebenen – mit Schulen insgesamt, mit ihren Interessenvertretern, insbesondere mehrmals mit dem Landeselternbeirat und der Landesschülervertretung sowie mit einer großen Zahl von Lehrerverbänden. Ich wurde bestätigt: Schule weiß am besten, was der richtige Weg für sie ist.
Die Schulen sind bereit, neue Wege zu gehen, zum Beispiel überall dort, wo es sinnvoll ist, G8 zum Erfolg zu führen. Deswegen – und das wird auch in anderen bildungspolitischen Fragen meine Handlungsmaxime sein – will ich den Schulen möglichst großen Gestaltungsspielraum überlassen. Deswegen möchte ich beim Thema Eigenverantwortung von Schule weiter vorankommen. Deswegen versuche ich, – soweit das in einem laufenden Haushaltsjahr geht – den Schulen gerade bei schwierigen Herausforderungen zusätzliche Ressourcen zu geben und ihnen damit Rückenwind zu verschaffen.
Wichtig bleibt, dass sie in Ruhe arbeiten können. Schule, Pädagogik, Erziehung, das Reifen junger Menschen, verträgt keine Hektik. Auch Streit wirkt in der Schule nicht produktiv. Der Wettlauf der Initiativen, den wir seit Beginn dieser Legislaturperiode erleben, wird in den Schulen nicht als Hilfe, sondern vielmehr mit Beunruhigung zur Kenntnis genommen. Dialog, Konsensorientierung, entspannte, unideologische Diskussion und Unterstützung wird deshalb meine Linie im Umgang mit den Schulen sein.
Dabei bleibt mein wichtigstes Ziel: Keine Schülerin und kein Schüler darf zurückbleiben. Das bedeutet zum Beispiel: Wir wollen weiterhin, dass fast jeder zweite hessische Schulabsolvent eine Hochschulzugangsberechtigung erwirbt. Wir wollen, dass die Zahl derjenigen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, weiter reduziert wird. Gerade auf diesem Feld wurde in den vergangenen Jahren an unseren Schulen hervorragende Arbeit geleistet: Von 2000 bis 2007 konnte der Anteil der schulentlassenen Hauptschüler ohne Abschluss von 22,9% auf 10,5% gesenkt und damit mehr als halbiert werden.
Ich halte einen auf breiten Dialog ausgerichteten Kurs der Bildungspolitik nicht zuletzt deshalb für sehr wichtig, weil wir als Politiker im Hessischen Landtag – und nicht nur die Landesregierung – in der gegenwärtigen Situation eine besondere Verantwortung haben und annehmen müssen. Die Bürgerinnen und Bürger erwarten von uns mehr denn je, mit Augenmaß zu handeln, Gräben zu überbrücken und zu einem vernünftigen Konsens zu finden, um eine stabile Entwicklung der hessischen Schulen in dieser Phase der Landespolitik sicherzustellen.
Klar ist für mich: Zu einem politisch verursachten Reformchaos darf es nicht kommen, das die ohnehin stark geforderten Schulen in die Knie zwingen würde. Es hat keinen Sinn, wenn sich die Parteien nun Monat für Monat mit ihren Gesetzen und Anträgen gegenseitig zu überflügeln suchen. Jeder parteipolitische Aktionismus ist fehl am Platz. Ich sehe mich gegenüber den Lehrern, Eltern und Schülern in der Pflicht, alles dafür zu tun, dass auch in dieser Phase einer geschäftsführenden Landesregierung die Entwicklung unserer Schulen in vernünftigen Bahnen vorangehen kann.
Mein Eindruck ist: Die Schulen sind derzeit sehr dankbar dafür, dass die Schuldebatte konstruktiver wird. Sie sehen es als positiv an, wenn die Bildungspolitik einen sachlichen Dialog mit ihnen und über sie führt. Natürlich sind nicht alle Positionen miteinander vereinbar, natürlich gibt es weiterhin politischen Streit – unsere gemeinsame Aufgabe ist es aus meiner Sicht, diese Auseinandersetzungen in solche Bahnen zu lenken, dass für die Schulen am Ende Gutes dabei herauskommt.
Wie dies funktionieren kann, lässt sich am Beispiel der G8-Diskussion aufzeigen.
Vorschläge zur Entlastung der G8-Schulen
Ich habe in der vergangenen Woche ein umfassendes Maßnahmenpaket vorgestellt, das zum Ziel hat, die an den Schulen entstandenen Belastungen nachhaltig zu reduzieren.
Im Vorfeld der Veröffentlichung und auch danach habe ich intensive Gespräche mit vielen Vertretern aus der Schule, den Verbänden und der Politik über die einzelnen Punkte geführt. Dabei habe ich auch deutlich machen wollen: Dieses Paket ist nicht in Stein gemeißelt, sondern noch kurzfristig für Modifikationen offen. Besonders auf den Regionalversammlungen mit allen Schulleiterinnen und Schulleitern der Gymnasien und Gesamtschulen wurden noch verschiedene Anregungen gegeben. Dies betrifft etwa die Frage, ob wir die verbindliche Regelung, bei Pflichtunterricht am Nachmittag auf Hausaufgaben für den nächsten Tag zu verzichten, in die Hände der Schulgemeinde geben oder auf dem Wege der Verordnung verankern. Wir haben uns dafür entschieden: Grundsätzlich gibt es an diesen Tagen keine Hausaufgaben. Dies ist die Regel. Aber die Schulen können in ihren Gremien Ausnahmen beschließen – damit wird auch hier die Entscheidung den Schulen übergeben.
Vor der Veröffentlichung des Pakets habe ich zudem mit den bildungspolitischen Sprechern der Fraktionen Kontakt aufgenommen, aber insbesondere mit dem Landeselternbeirat und anderen, um frühzeitig darüber zu informieren. Natürlich sind in die Überlegungen auch Vorschläge aus den aktuellen Diskussionen hier im Landtag und im Kulturpolitischen Ausschuss eingeflossen. Ich habe auf diese Weise versucht, einen breiten Konsens in den meisten Punkten herzustellen. Die überwiegend zustimmenden Reaktionen bestätigen, dass dies im Großen und Ganzen auch gelungen ist.
Ich kann daher gut damit leben, wenn jetzt sowohl FDP als auch Grüne die Urheberschaft für manche der Punkte sich selbst zuschreiben wollen – ich erhebe durchaus nicht den Anspruch, mit diesem Maßnahmenpaket das Rad neu erfunden zu haben. Andere Bundesländer gehen übrigens einen ganz ähnlichen Weg wie Hessen. Die Reaktionen der Parteien auf das Maßnahmenpaket haben insgesamt gezeigt, dass sich in der G8-Diskussion die Wogen merklich glätten, die überhitzten Gemüter abkühlen und die G8-Debatte deutlich konstruktiver geworden ist. Das ist erfreulich. Es wurde auch deutlich, dass die Mehrheit des Landtags grundsätzlich hinter G8 steht. Nur die Linkspartei steht an dieser wie an vielen anderen Stellen völlig im Abseits.
Genau dies stimmt nach meinem Eindruck auch mit der Stimmungslage in den Schulen, bei den Verbänden und bei den Eltern überein: Eine Mehrheit sieht grundsätzlich die Notwendigkeit und den Sinn der Schulzeitverkürzung – allerdings werden deutliche Verbesserungen des G8-Konzepts erwartet, mehr Möglichkeiten, das Abitur wahlweise auch in neun Jahren zu erreichen und nicht zuletzt mehr Zeit und Ruhe für die Schulen, um Neuerungen vernünftig umsetzen zu können.
Ich möchte die Gelegenheit der heutigen Regierungserklärung nutzen, das Maßnahmenpaket noch einmal hier im Landtag anzusprechen, nicht jeden einzelnen der Ihnen bereits bekannten Punkte, aber doch einige Aspekte, die im Laufe der Woche besonders diskutiert wurden.
Anpassung und Straffung der Lehrpläne
Mit großem Nachdruck wurde in den vergangenen Monaten von vielen Seiten eine erneute Überarbeitung der Lehrpläne gefordert. Manch einer mag sich an dem dabei verwendeten Vokabular gestört haben: Von “Entschlackung” oder “Entrümpelung” war die Rede. Natürlich enthalten unsere bisherigen Lehrpläne keinerlei Gerümpel, das man achtlos auf den Sperrmüll werfen könnte. Klar ist aber auch: Eine Straffung bedeutet immer Verzicht auf das eine oder andere Thema – dies ist nicht zu vermeiden.
Ich möchte demgegenüber ausdrücklich betonen: Im Vordergrund der Lehrplanüberarbeitung stand die verstärkte Ausrichtung auf die Vermittlung von Kern- und Methodenkompetenz. Sie wurde so vorgenommen, dass weiterhin ein ausgewogenes Verhältnis von Wissens- und Kompetenzvermittlung sichergestellt ist und das bestehende, in den Landesprüfungen geforderte und gesicherte Niveau keinerlei Einbußen erfährt. Unser Bildungsverständnis bleibt also unangetastet – wir erleben hier nicht den Untergang des Abendlandes.
Wir haben im Vorfeld der Überarbeitung die Lehrerkollegien um ihre Mitarbeit gebeten, um möglichst viele Erfahrungen aus der Praxis einbeziehen zu können. Diese Möglichkeit wurde von vielen Schulen genutzt. Über 500 Rückmeldungen aus mehr als 100 Schulen (von rund 260 G8-Schulen) sind im Kultusministerium eingegangen. Ich möchte an dieser Stelle allen Kollegien, die Vorschläge erarbeitet haben, für ihre Mitarbeit herzlich danken. Die Vertreter des Landeselternbeirats haben zudem zugesagt, sich in ihrem Gremium dafür einzusetzen, dass die Vorschläge noch vor den Sommerferien behandelt werden, um sicherzustellen, dass sie zum kommenden Schuljahr in Kraft treten können. Auch dafür bin ich sehr dankbar.
Natürlich haben wir auch die Tatsache vor Augen, dass es sich bei den überarbeiteten Lehrplänen nur um Übergangslösungen handeln kann, weil die Bildungsstandards und Kernkurrikula für die Sekundarstufe I längst in Arbeit sind. Die überarbeiteten Lehrpläne können durch ihre Ausrichtung auf die Kern- und Methodenkompetenz als ein Zwischenschritt zu den künftigen Bildungsstandards und Kernkurrikula verstanden werden, die vom Schuljahr 2010/11 an die Lehrpläne ablösen sollen.
Gestaltungsfreiheit durch die Kontingentstundentafel
Ebenfalls überarbeitet wurde die Stundentafel für den verkürzten gymnasialen Bildungsgang. Hierbei stand die Zielsetzung im Vordergrund, den Schulen mehr Gestaltungsspielräume für den Vormittags- wie den Nachmittagsunterricht zu geben, damit mehr Möglichkeiten zur Entlastung für die G8-Klassen und zugleich auch mehr Möglichkeiten zur individuellen Förderung. Wir nutzen auf diese Weise die Freiräume, die ein von Hessen initiierter Beschluss der Kultusministerkonferenz zur Flexibilisierung der Stundentafel eröffnet.
Die neue Stundentafel sieht vor, dass die Stundenzahl in der Mittelstufe reduziert wird und dass dafür einige Stunden in die Oberstufe geschoben werden, wo die Schülerinnen und Schüler vom Alter her stärker belastbar sind. Über die Einzelheiten der künftigen Gestaltung der Oberstufe im Rahmen der Vorgaben der Kultusministerkonferenz bin ich gerne bereit zu diskutieren, wie im Hauptpersonalrat der Lehrerinnen und Lehrer von der GEW gefordert wurde. Dies sollte der nächste Schritt sein.
Eine ganz entscheidende Neuerung ist zudem, dass der bisherige Wahlpflichtunterricht in Wahlunterricht umgewandelt wird. Die für den Wahlunterricht zur Verfügung stehenden 4 bis 6 Stunden, können nun in den Jahrgangsstufen 5 bis 9 frei eingesetzt werden. Sie fallen aber nicht weg: Bis zur Klasse 9 müssen diese Stunden von jeder Schülerin und jedem Schüler absolviert werden. Aber sie sind freier einsetzbar. Die Schulen können diese Stunden etwa in besonderem Maße zur individuellen Förderung und Unterstützung der Schülerinnen und Schüler nutzen – zum Beispiel in den Fremdsprachen oder zur Vorbereitung auf den Übergang in die Oberstufe.
Man könnte nun einwenden, dies gehe zulasten der dritten Fremdsprache. Hierzu möchte ich sagen. Auch hier haben die Schulen Gestaltungsfreiheit: Sie können alternativ die dritte Fremdsprache als freiwilliges Angebot vorsehen. Schulen mit einem besonderen sprachlichen Profil können zudem die Möglichkeiten des bilingualen Unterrichts nutzen.
Ganz unabhängig von der G8-Diskussion ist die neue Stundentafel eine wichtige, zukunftsweisende Neuerung im hessischen Schulwesen. Sie ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zu mehr schulischer Eigenverantwortung. Die mit der neuen Stundentafel verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten können nicht nur der Entlastung bei G8 dienen, sondern sind darüber hinaus geeignet, die Schulen qualitativ ein gutes Stück weiter voranzubringen. Genau dies ist das Ziel von mehr schulischer Eigenverantwortung – sie darf hingegen kein Selbstzweck sein und nicht zur Beliebigkeit führen. Schulen haben ganz unterschiedliche Situationen zu bewältigen: Die einen haben beispielsweise viele Fahrschüler, andere eine eher städtische Klientel. Zudem sind die räumlichen Voraussetzungen verschieden und damit die Möglichkeiten zur Gestaltung von Nachmittagsunterricht. Schulen müssen auf diese unterschiedlichen Voraussetzungen individuell reagieren können. Wesentlich ist, dass die Eltern an den dazu notwendigen Entscheidungen beteiligt werden.
Ganztagsangebote und Mittagstisch
Ich habe in den vergangenen Wochen mehrfach klargestellt, dass ich die Auffassung teile, dass die Umsetzung der Schulzeitverkürzung mit dem Ausbau von Ganztagsangeboten einhergehen müsse. Auf diesem Feld wurde viel getan in den vergangenen Jahren. Im neuen Schuljahr werden insgesamt 528 Schulen in Hessen am Ganztagsprogramm der Landesregierung teilnehmen, das sind fast viermal so viele wie vor zehn Jahren. Dies ist noch lange nicht genug, aber ein guter Ausgangspunkt für die weitere Ausweitung in den kommenden Jahren.
Auch die weitaus meisten G8-Schulen verfügen mittlerweile über solche Angebote. Viele sind im Ganztagsprogramm der Landesregierung, andere konnten durch IZBB-Mittel gefördert werden. 65 Schulen verfügen aber bisher noch über kein Essens- und Betreuungsangebot. Mit Beginn des Schuljahres 2008/09 soll daher auch diesen Schulen die Möglichkeit gegeben werden, eine pädagogische Mittagsbetreuung anzubieten. Mein Signal ist also: Wo G8 angeboten wird, soll es künftig auch mindestens eine pädagogische Mittagsbetreuung geben. Dies wurde von den Schulleiterinnen und Schulleitern auf den Regionalversammlungen sehr begrüßt.
Ich bin mir natürlich bewusst, dass eine Mittagsbetreuung nur dort umsetzbar ist, wo die entsprechende Infrastruktur vorhanden ist. Ich möchte an dieser Stelle aber daran erinnern, dass im Haushalt 2007 und im Haushalt 2008 bereits jeweils 100 Millionen Euro zusätzlich vorgesehen sind bzw. waren zur Unterstützung der Schulträger beim Mensabau an G8-Schulen – mit diesem Geld kann man als Schulträger viel erreichen, wenn man nur aktiv die Initiative ergreift und die richtigen Prioritäten setzt.
Mehr Stellen für kleinere Gruppen
Ein allseits bekannter Kritikpunkt ist und war: Die Klassen seien einfach zu groß. Dies mache sich gerade unter den Bedingungen der Schulzeitverkürzung bemerkbar – zumal angesichts der enormen Beliebtheit der Gymnasien, die auch im kommenden Schuljahr weiter anhält.
An dieser Stelle wollen wir als Landesregierung ebenfalls ein klares Signal setzen: Wir wollen kleinere Klassen, und zwar in allen Schulformen. Diesen Weg haben wir an den Hauptschulen bereits mit den SchuB-Klassen eingeschlagen. Nun setzen wir ihn an den G8-Schulen fort. Wenngleich an vielen Schulen die Klassen für das neue Schuljahr bereits gebildet und mit den räumlichen Gegebenheiten abgestimmt worden sind, möchte ich versichern: Spätestens im kommenden Jahr werden die Klassen kleiner. Schon jetzt erhalten die Schulen aber die erhöhte Lehrerzuweisung, unabhängig davon, ob sie sogleich kleinere Klassen bilden. Sie können dies etwa für Förder- und Differenzierungsangebote nutzen. Dies ist in jedem Fall ein Gewinn.
Ich bin mir sehr bewusst: Die Verringerung der Klassengrößen wird weiter ein Thema bleiben. Andere Schulformen haben ebenfalls diesen Wunsch. Sicherlich müssen weitere Schritte in Zukunft folgen – wir werden prüfen, in welchem Zeitrahmen und mit welchen Mitteln dies umsetzbar wäre. Natürlich ist und bleibt dies letztlich eine finanzielle Prioritätenfrage. Alle wünschenswerten Dinge im Bildungswesen sind leider nicht auf einmal umsetzbar – weder in Hessen noch anderswo.
Wahlmöglichkeit für kooperative Gesamtschulen
Gestern wurde hier im Landtag die Wahlmöglichkeit der kooperativen Gesamtschulen zwischen G8 und G9 beschlossen. Zu diesem Punkt möchte ich aufgrund häufig gestellter Fragen noch einmal klarstellen: Natürlich haben die Schulen die Möglichkeit, dies zunächst sorgfältig zu überdenken und sich erst nach dem nächsten Schuljahr zu entscheiden, sofern ihnen die vorgestellten Punkte des Maßnahmenpakets nicht als ausreichend erscheinen. Keiner muss dies sofort entscheiden.
Im Ergebnis wird es in Hessen über die integrierten Gesamtschulen hinaus zwei unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel der Allgemeinen Hochschulreife geben. Da die Oberstufe gemäß den Vorgaben der KMK dreijährig zu organisieren ist, bleibt das Schulwesen zudem anschlussfähig für diejenigen Schülerinnen und Schüler, die an Hauptschulen, Realschulen oder beruflichen Schulen die Mittlere Reife erwerben und auf das Gymnasium oder eine Gesamtschule wechseln wollen. Es bleibt zudem das Ziel auch der geschäftsführenden Landesregierung, das Thema Mittlere Reife nach neun Schuljahren an den G8-Schulen erneut in der KMK zur Sprache zu bringen und eine gute Lösung dafür zu finden.
G8: Nationaler wie internationaler Regelfall auf dem Weg zum Abitur Ich bin insgesamt überzeugt davon, dass es gelingen wird, mit diesem Maßnahmenpaket die Schulzeitverkürzung in Zukunft zur Zufriedenheit aller Beteiligter zu gestalten. Denn dies ist alles andere als ein “Herumdoktern” an den G8-Problemen, wie etwa von Seiten der SPD kritisiert wurde. Die einzelnen Maßnahmen wurden in den vergangenen Monaten sorgsam ausgearbeitet – Praxiserfahrungen aus den Schulen wurden einbezogen – Vorschläge aus den Lehrerkollegien eingeholt – natürlich auch der Blick auf andere Bundesländer gerichtet, die ebenfalls dabei sind, G8 zu verbessern.
Es wäre sicherlich wünschenswert, wenn wir nach der Lösung dieser Detailfragen dahin kommen könnten, in Zukunft nicht mehr über das Ob und Wie von G8 zu sprechen, sondern vielmehr über die daraus für die Jugendlichen erwachsenden Vorteile und Chancen. G8 muss in Hessen der Regelfall auf dem Weg zum Abitur bleiben, wie es national und international Standard ist. G8 bietet jungen Menschen ein Jahr mehr Zeit, um sich nach dem Abitur persönlich wie beruflich zu orientieren und zu entwickeln. Diese Chance sollten wir ihnen nicht nehmen.
Chance für eine konstruktive Bildungsdebatte nutzen
Ich habe in den vergangenen Wochen viele Gespräche geführt – etwa mit den bildungspolitischen Sprechern der Fraktionen, mit Vertretern der Verbände und der Schulen. Diese Gespräche sollten für mich nicht etwa nur eine Einstiegshilfe in meine neue Aufgabe sein – ich möchte diesen Dialog auch weiterhin fortsetzen. Ich möchte auf diese Weise eine “Politik der offenen Türen” ermöglichen, wie sie Ministerpräsident Roland Koch in seiner Regierungserklärung beschrieben hat. Dies erscheint mir gerade in der Bildungspolitik wichtig: Denn in Hessen wurde in der Vergangenheit oft beklagt, dass die Schulen nicht mehr zu Ruhe kämen – und dies nicht etwa nur aufgrund zahlreicher unverzichtbarer Reformen, sondern auch wegen eines nicht endenden politischen Streits. Ich denke: Die Zeit der politischen “Schlammschlachten” sollte nun vorbei sein. Damit verunsichert man Menschen, statt sie zu motivieren.
Aus meiner Sicht ist die Suche nach gemeinsamen Wegen gerade in der gegenwärtigen Übergangsphase geboten. Unklare politische Mehrheiten dürfen für die Schulen kein Nachteil sein. Die hessischen Schulen müssen sich darauf verlassen können, dass die laufenden Projekte nahtlos weitergehen und dass notwendige neue Entwicklungen nicht gebremst oder gar blockiert werden. Diese Verlässlichkeit will ich den Schulen zusichern.
In eine ganz falsche Richtung geht hingegen eine Politik, die nun stur und trotzig Parteiprogramme umsetzen will und durch unausgegorene Schnellschüsse die Schulen in ein neues Veränderungschaos zu stürzen droht. Eine solche Politik hat – auch im haushaltspolitischen Sinne – die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ich nehme daher in ganz positivem Sinne wahr, wenn die SPD nun bei der Initiative der FDP zum Thema Lehrerbildung auf eine “breit getragene Initiative des Landtags” setzt – ich bin hier gerne zum Gespräch bereit.
Wir haben viele Themen, über die wir gemeinsam diskutieren müssen und können – sei es die Lehrerbildung, die Entwicklung der Haupt- und Realschulen oder die Verbesserung der “Verlässlichen Schule”.
Mehr Lehrer für Hessens Schulen
Klar ist auch: Um all dies umzusetzen, brauchen wir in den kommenden Jahren mehr Personal, besser: viel mehr Personal in den Schulen: Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Sozialpädagogen, Psychologen und Verwaltungskräfte. Ich wage zu behaupten: An keinem anderen Punkt sind wir uns partei- und fraktionsübergreifend so einig wie an diesem. Sicher aber auch darüber, dass dies nur schrittweise geht und dass wir uns vor allem aktiv um Lehrkräfte bemühen müssen, gerade, aber nicht nur in den Mangelfächern. Derzeit ist es übrigens erfreulich zu beobachten, dass die Zahl der Anmeldungen zum Referendariat stark gestiegen ist. Ich möchte daher auch die Zahl der Referendariatsplätze schon im kommenden Schuljahr erhöhen.
Die Zukunft der hessischen Schulen hängt zweifelsohne ganz entscheidend davon ab, ob es uns gelingt qualifizierte und motivierte Lehrerinnen und Lehrern in ausreichender Zahl zu gewinnen. Sonst laufen alle anderen Anstrengungen ins Leere. Ich habe mir vorgenommen, in den kommenden Wochen an diesem Punkt besonders zu arbeiten und verstärkt auf Studierende, auf Lehrkräfte, die derzeit nicht im Dienst sind, oder auch auf mögliche Interessenten für einen Quereinstieg zuzugehen. Die geplanten Veränderungen in der Gestaltung der BAT-Verträge sehe ich ebenfalls in diesem Zusammenhang.
Die nächsten Aufgaben, für die wir sehr viele Stellen brauchen, sind benannt worden: Kleinere Klassen an den G8-Schulen und den Hauptschulen, mehr Ganztagsangebote, zudem die Einführung des Bildungs- und Erziehungsplans und die Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich des gemeinsamen Unterrichts – darüber hinaus ist an die Rückgabe der Vorgriffstunde zu erinnern. Wir alle wissen, dass es im hessischen Schulwesen noch viel zu tun gibt. Zugleich können wir aber sagen: Wir haben in den vergangenen Jahren viel erreicht, was wir jetzt nicht durch unbedachte Schritte gefährden dürfen.
Wir haben nach meiner Überzeugung eine gute Ausgangsposition, um uns gemeinsam Gedanken darüber zu machen, wie wir diese Entwicklung durch neue Schritte positiv voranbringen können. Diese Chance sollten wir verantwortungsvoll nutzen und sie nicht politisch zerreden – von meiner Seite bin ich für offene, durchaus auch kontroverse Gespräche und für eine gemeinsame Suche nach neuen Wegen für Hessens Schulen bereit.
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